Naechste Woche Donnerstag steht die Maschine seit genau zwei Monaten vor der Tuer und trotzdem zaehlt der chromverzierte Tachometer auf dem Tank nun schon eine Vier mit drei Nullen dahinter. Das sind stolze 66,6~ Kilometer am Tag oder bildlich gesprochen: Taegliches Cruisen zur Arbeit, mehrere Touren durch Brandenburg, Erkundungen im Weserbergland, naechtliches Cruisen durch Berlin und zwei Berlin-Bielefeld-Berlin Touren.
Und genauso wie ich denke, dass die Maschine nun richtig auf dem Asphalt angekommen ist, habe wohl auch ich mich so langsam an das teilweise doch recht gefaehrliche aber auch unheimlich schoene und entspannende Leben als Motorradfahrer gewoehnt.
Eine der ersten Dinge, die ich wohl gelernt habe: Wer bereits im Auto gefaehrlich lebt und nicht genau weiss, was um ihn herum passiert, der sollte besser auf’s Motorradfahren verzichten. Weit vorausblicken ist die Lebensversicherung, die man sich immer wieder ins Bewusstsein rufen muss, denn zu schnell geraet das Gefuehl der Geschwindigkeit und die Einheit zwischen Mensch und Maschine in den Vordergrund.
Ich habe mit der Maschine unheimlich schoene und unheimlich idiotische Dinge hinter mich gebracht.
Zu den schoenen Dingen zaehlen beispielsweise die Fahrten in Niederfinow, wo einem die Urspruenglichkeit Brandenburgs von der Natur derart vor Augen gehalten wird, dass man sich nur noch als ganz, ganz kleines Teil des Ganzen begreifen kann. Zu beeindruckend sind die ploetzlichen Erhebungen des Urstromtals in eben jener Flachlandregion, als das man sie ignorieren koennte.
Oder eben jene Tour mit Sozius durch’s Weserbergland von Bielefeld aus ueber Herford bis zur Porta Westfalica und vice versa. 10% Steigung wollen erstmal bewaeltigt, Serpentinen auf dem Weg hoch zum Kaiser-Wilhelm Denkmal mit der richtigen Schraeglage genommen werden.
Schoen war auch die Begegnung mit meinem alten Kollegen und Ausbilder auf einer Raststaette auf der A2 nahe Braunschweig. Dem noetigen Tankstop folgte 20 Minuten lang Freude ueber das Wiedersehen, Austausch ueber das, was man jetzt so macht und eine ueberschwenglich, freundliche Verabschiedung bei 140 km/h auf der Autobahn.
Zu den etwas Leichtsinnigeren gehoert unweigerlich die Fahrt nach Bielefeld, 400 Kilometer ueber die A2, bei dem wechselhaftesten Wetter, was dieser Sommer wohl zu bieten hatte. Und zu allem Unglueck war ich aufgrund der spontanen Entscheidung gegen die Deutsche Bahn auch noch schlecht vorbereitet: Sonnenbrille, halb-offener Helm, nicht mal annaehernd regenfeste Kleidung.
Jeder noch so kleine Regenschauer fuehlt sich auf der Autobahn bei 130 km/h an, als ob man dem Facepeeling eines Sumo-Ringers voellig hilflos ausgeliefet ist. Bei jeder Kaltfront merkt man augenblicklich den massiven Temperaturunterschied und zieht sich in seiner Lederkluft unweigerlich zurueck. Freut man sich ueber die ploetzlichen Sonnenstrahlen am Horizont, geht das Martyrium eigentlich erst los - ist man doch jetzt mitten im Zentrum der Regenwolken. Im Weserbergland war der Regen dann so stark, dass mich bereits LKWs links ueberholten, weil ich aufgrund der Witterung nur rund 80 km/h fahren wollte und in Bielefeld war es bereits so dunkel, dass ich auf die Sonnenbrille getrost verzichten durfte.
Nach sechseinhalb Stunden Fahrzeit fuer die 400 Kilometer bin ich dann allerdings doch noch wohlbehalten angekommen, konnte meinen besorgten Kollegen, die mich im vorhinein fuer verrueckt erklaert hatten, Entwarnung geben und habe mich den naechsten Tag im oertlichen Louis erstmal etwas adaequater ausgeruestet, um die Rueckfahrt besser ueberstehen zu koennen. Auf der hat es zwar kein einziges Mal geregnet und ich war vor Hannover frohen Mutes mit rund 5 Stunden Fahrzeit Berlin zu erreichen, waere da nicht die Vollsperrung der A2 aufgrund eines Bombenfundes gewesen, die mich dann nochmal zwei weitere Stunden auf diversen Landstrassen gekostet hat.
Auch die Stadt hat so ihre Tuecken:
Angefangen vom alten VW Passat, vollbesetzt mit vier Frauen, deren Aufmerksamkeit wohl eher auf die naechste Tupperparty gerichtet war und mich so zum Ausweichen auf den Radweg zwangen. Was folgte war das obligatorische Klopfen gegen die Scheibe bei rund 60 km/h, geparrt mit dem fiesesten Grinsen was meine Visage hergibt und schockreife Gesichter im Innenraum des VWs hinterliess.
Einen anderen Tag waere mir beinahe ein SUV zum Verhaengnis geworden, dessen Fahrer es wohl nicht mehr abwarten konnte, weiterfahren zu koennen und vor der Ampel prompt aus der Schlange der Wartenden stark beschleunigend auf meine Spur wechselte. Ich konnte dieser Flitzpiepe zwar im letzten Moment ausweichen und hatte zum Glueck genug Platz zwischen SUV und Bordstein, trotzdem brauche ich das Gefuehl der 20 Minuten danach nicht unbedingt noch einmal.
Da muss ich ganz offen gestehen, hat mein Fahrlehrer ganze Arbeit geleistet indem er mir immer und immer wieder eingebleut hat, mit dem Unerwarteten rechnen zu muessen. Ansonsten waere mir diese Begegnung wohl zum Verhaengnis geworden. Ein Hoch auf die Tiefenperson und entwickelte Automatismen!
Abseits von jeglicher persoenlicher Erfahrung, schnurrt die Maschine wie ein Kaetzchen oder soll ich besser sagen wie ein tieffliegendes Geschwader japanischer Kamikaze-Piloten? Der Sound ist zwar nicht mit einer 30 Jahre alten Harley zu vergleichen, in dieses Kraeftemessen brauche ich mich jedoch auch gar nicht erst einzulassen. Leise im Stand, kraftvoll beim Beschleunigen. So mag ich das eben auch.
Auch der Verbrauch stimmt mit runden 4 Litern auf 100 Kilometern und macht die Sache an der Tankstelle recht angenehm. Zudem laesst sich der Cruiser sogar agiler fahren, als ich zu Anfang dachte. Ich werde zwar auch heute noch von dem ein oder anderen Raser ueberholt und lasse den asphaltgebundenen Marschflugkoerpern an der Ampel unbeeindruckt den Vortritt, aber das juckt mich nicht. Das einzige, was mich manchmal aufhorchen laesst, ist das Klappern des Kardan. Kommt zwar selten vor, merkt man als Fahrer allerdings schon. Aber so ist das eben, wenn man sich gegen Kettenpflege entschieden hat. Damit muss man dann leben koennen.
Die Entscheidung fuer die Shadow Spirit war jedenfalls goldrichtig, auch wenn ich zurueckblickend ohne Probefahrt und ohne jegliche Erfahrung ein ganz schoenes Risiko eingegangen bin. Dennoch, manchmal zahlt sich eben auch so etwas aus.
Wer gerne mal mit raus ins Umland moechte oder auf ‘ne Runde Benzinreden beim Kaffee auf der Spinner Bruecke Lust hat, der kann gerne mal etwas von sich hoeren lassen. Noch ist ja nicht die Zeit gekommen, die Maschine zur Ueberwinterung irgendwo unterzubringen.
Tjaha, einige der 4000 km habe ich als hervorragender Sozius mitabsolviert… ob in der Hauptstadt oder nach Porta Westfalica. Weiterhin viel Spass mit dem guten Stück! ;-)
Im Frühjahr ‘09 bin ich gerne bereit für Kaffee-Fahrt zur Spinnerbrücke ;)
Sorry fuer die spaete Antwort, ist in letzter Zeit etwas untergegangen. Aber um es noch mal deutlich zu machen: Im Fruehjahr dann sehr gerne! ;-)
Oki doki, ich melde mich..
“Eine der ersten Dinge, die ich wohl gelernt habe: Wer bereits im Auto gefaehrlich lebt und nicht genau weiss, was um ihn herum passiert, der sollte besser auf’s Motorradfahren verzichten.” Absolut! Man sagt ja auch nicht von ungefaehr, Motorradfahrer sind die besseren Autofahrer. :-)
“Zu den schoenen Dingen zaehlen beispielsweise die Fahrten in Niederfinow, wo einem die Urspruenglichkeit Brandenburgs von der Natur derart vor Augen gehalten wird, dass man sich nur noch als ganz, ganz kleines Teil des Ganzen begreifen kann.” Das finde ich auch immer am schoensten. Wenn dann auch noch wenig Verkehr unterwegs ist und die ganze Fahrt ein einziger Flow ist.
Uebrigens, was mir da hinten in Niederfinow nochmal um einiges mehr gefallen hat als der Rueckweg ueber Hoehenfinow (also am Schiffshebewerk vorbei), ist der Weg ueber Liepe - Teufels-, und Oderberg Richtung Bad Freienwalde (Oder). Liepe und Teufelsberg liegen am Hang, an dem sich die Strasse hin und her windet. Hinter Bad Freienwalde kommen dann noch ein paar schoene Kurven und lange, gerade Alleenstrassen.
Die Strecke ist komplett mit Blitzern zugepflastert, was den ein oder anderen nerven wird. Mir ist das relativ gleich, da mir Geschwindigkeiten jenseits der 120 auf der Landstrasse eh keinen Spass machen.