Es ist Winter. Es ist kalt, es regnet oder es liegt Schnee und wenn keines der beiden Genannten auftritt, dann ist’s vereist. Grundsaetzlich denkbar schlechte Ausgangsbedingungen fuer jemanden, der sein halbes Leben auf dem geliebten Brett mit den vier Rollen verbringt.
So geht das monatelang, etwa ab Mitte November, wenn der erste Abendfrost den Asphalt rutschig werden laesst und einem ein kontrolliertes Fahren nicht mehr ermoeglicht. Nicht, dass ein bisschen Sliden auf dem glatten Asphalt nicht Spass machen wuerde. So ein paar Powerslides vor dem Deutsche-Bahn-Prunk-Palast, der sich Berliner Hauptbahnhof schimpft, oder mitten im Touristengetuemmel auf der Friedrichstrasse sind ja auch schon was. Das Problem ist, es ist schlicht und ergreifend viel zu gefaehrlich. Kontrolliertes, schnelles Fahren auf den Strassen Berlins ist nicht mehr moeglich. Die Gefahr, nicht mehr rechtzeitig abbremsen oder ausweichen zu koennen, ist einfach zu gross.
Ich versuchte letztens Miss Regionalbahn den Spirit des Longboardens ein bisschen naeher zu bringen und nach dem heutigen Abend weiss ich jetzt, dass ich damit wohl nach allen Regeln der Kunst gescheitert bin. Man kann jemandem, der kein Board unter den Fuessen je sein Eigen nennen konnte, nicht einmal annaehernd beschreiben, was das Gefuehl ausmacht, sich in der Abenddaemmerung bei den ersten warmen Temperaturen auf’s Brett zu stellen und sich in den schnell pulsierenden Grossstadtrhythmus zu stuerzen.
Im Tiergarten wird sich langsam aufgewaermt, ehe man ueber’s Regierungsviertel an den vielen, staunenden Touristen in Richtung Brandenburger Tor vorbei cruist, um dann schoen ausladend Unter den Linden von einer Strassenseite zur anderen zu carven. 500 Meter weiter, an der Humbolt Universitaet, erhoeht sich der Puls. Hier werden die Spuren enger, Busse und Taxis sitzen einem im Nacken. Man muss schnell werden, um niemanden zu veraergern ehe man es im Schatten der Palast-Republik-Ruine wieder etwas langsamer angehen lassen kann. Hinter der Bruecke kommt dann das erste Gefaelle, das man mit dem Abpassen der richtigen Ampelphase, so richtig schoen ausnutzen kann, ehe man vor der Kreuzung, die links zum Hakeschen Markt fuehrt, zum Stehen kommt.
Auf dem Alexanderplatz wird dann kurz ausgeruht, um sich sogleich wieder in Richtung Rosenthaler Platz aufzumachen. Vorbei an der Volksbuehne mit zwei, drei gekonnt hohen Spruengen ueber die im Asphalt eingelassenen Schriftzuege, die einem das Board foermlich unter den Fuessen wegreissen koennen.
Die erste grosse Abfahrt vom Senefelder Platz, Ecke Choriner Strasse in Richtung der grossen Kreuzung am Rosenthaler Platz folgt.
Mehrmals. Fuer Leute mit Zahlentick, wie mich, immer drei oder fuenf mal. Nie aber zwei oder vier Mal. Im besten Falle bei rund 50km/h im unteren Drittel und an der Ampel wartenden Autos, dessen Luecke man zwischen den Spuren gekonnt ausnutzen muss, ehe man vor der Kreuzung samt Powerslide zum Stehen kommt.
Spielt das Wetter mit, geht es ein letztes Mal den Hang hinauf, um dann nach Prenzlauer Berg ueberzuwechseln. Die Schoenhauser Allee hinunter mit den vielen, gepflasterten Toreinfahrten, vorbei am Mauerpark, um diesen dann von hinten am Schwedter Steg aufzurollen. Dieser grandiosen, mehrere hundert Meter langen Abfahrt ueber den S-Bahn Ring, der wie eine offene Wunde zwischen dem Berliner Zentrum und den umliegenden Randbezirken klafft.
Wieder drei, besser fuenf oder sogar 10 Mal. Zwei, vier, sechs und acht gehen gar nicht.
Aber irgendwann wird es dann auch Zeit zu gehen - nach Friedrichshain, um die grosse Schleife ueber die Danziger, der naechsten Abfahrt mit diesem unsaeglich, gepflasterten Kreisverkehr, und der langen Warschauer Strasse ueber die Oberbaumbruecke im Schatten von Universal bis hin nach Kreuzberg zu befahren.
Die BMW-Mercedes-Fahrer Kreuzbergs duerfen dann fuer mich in der Oranienstrasse auch mal vom Gas gehen, ehe ich mich ueber den Moritzplatz aus dem alten Berlin wieder in Richtung der neuen, utopischen Bauten am Potsdamer Platz bewege.
Von dort aus muss ich mich dann entscheiden. Reicht die Kondition noch, um ueber den Ku-Damm und den Zoo zurueck nach Tiergarten zu kommen - nochmal die breiten Busspuren ausnutzend, oder besser ganz, ganz schnell zurueck in die heimische WG zum Duschen?
Egal, wie die Entscheidung ausgefallen ist: Das Gefuehl nach dieser gewaltigen Runde durch Berlin mit fast 30 Kilometern Streckenlaenge ist ueberragend. Berlin ist in dem Moment viel kleiner, als man denkt. Man kommt quasi ueberall hin, wenn man nur will.
Und vorbei sind zweieinhalb Stunden voelliger Entspannung, voller Loslassen in denen man sich lediglich auf den stetig pulsierenden Rhythmus der Grosstadt konzentrieren muss und das man nicht unter die Raeder kommt!
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